Exkursion in die Linux-Stadt Kiel
Alle Linuxbegeisterung ist eitel, wenn man nicht real in die wahre Linuxstadt Kiel fährt, um sich das Ganze mal in Natura anzusehen. So machte ich mich auf mit meinem ex-parlamentarischen Begleiter deBaer, einst im preußischen Landtag (Berliner Abgeordnetenhaus) für die Piratenpartei. Der Anlass hätte besser nicht sein können: wir besuchten die Kieler Woche.
Ein mir fast gänzlich unbekanntes Spektakel. In den 90er Jahren hatte ich zweimal am Kieler-Woche-Judoturnier teilgenommen, das wir mit unserer Regionalligamannschaft besuchten. An Erlebnisse außerhalb der Turnhalle erinnere ich mich nicht.
Das kann mehrere Gründe haben. Zuallererst kann es sein, dass wir tatsächlich nicht an der Förde gewandert sind, um uns die Kieler Woche anzusehen. Oder ich habe einen Filmriss. Denn in meiner Jugend im Sport habe ich erlernt, dass es wichtig ist, viel Alkohol trinken zu können, eine Eigenschaft, die mir in der Politik später noch nützlich werden sollte.
Der erfahrene Piraten-Exabgeordnete und ich verließen den Kieler Hauptbahnhof durch den Seitenausgang, ein Geheimtipp, denn er führt einen schnurstracks zum Kai nach Skandinavien. Nach der preisgünstigen Versorgung mit Festivalmaterial im örtlichen Edeka setzten wir uns erstmal zu den Schiffen in den Schatten und beobachteten die glücklichen Menschen, die mit ihrem Auto an uns vorbei und auf die Fähre fuhren. Alle lachten uns an, selbstverständlich, weil wir wie absolut coole Backpacker aussahen, Edelhippies, mit denen man gern die Zeit auf der Fähre verbringt.
Als erfahrene Politiker wanderten wir zuerst zum Landtag und nahmen dabei eisgekühlte Drinks. Auf dem Weg dorthin wurde uns klar, dass nicht nur die schleswig-holsteinische Linuxpolitik, sondern die ganze Stadt Kiel ein einziger Hackerspace ist. Wir kamen uns angesichts der Villages vor wie beim Camp des Chaos Computer Clubs oder auf dem Fusion Festival. Hier die Wissenschaft, dort lokale soziale Organisationen, überall Kreatives und sozial Innovatives. Natürlich gab es auf der Kieler Woche eine Unisex-Stehtoilette für alle und auch ein Awarenesszelt direkt neben der Bundeswehr. Die offensichtliche Partnerschaft der Kieler Woche mit dem Kölner Karneval war für mich als Exil-Rheinländerin beglückend und schön. Die alkoholvermittelte Kölsche Toleranz passt gut zur Kieler Woche und ich habe mich sehr gefreut, die geliebten Töne mal wieder zu hören.
Vor allem habe ich so den schlimmer und schlimmer werdenden Linux-Ohrwurm beseitigen können, den ich noch von Zeit zu Zeit und mit steigendem Alkoholpegel anstimmte, was meinen Begleiter zu höchstem Unwillen motivierte, denn er hasst AI jeder Art als Slop. Zu Ende gedacht hat der Gute ja recht. Kurzum, auf allen Sinnes-Kanälen erfrischend, diese Kieler Woche. Neben den Hackerspaces und Festivalanmutungen am Ufer der Förde wartet die Kieler Woche mit vielen Bühnen und wichtigen Unter-Villages wie dem internationalen Markt am Rathaus auf. Für jede und jeden ist was dabei, alle können mitmachen.
Die Kieler Woche ist wundervoll, die ganze Stadt Kiel wird zu einem preisgünstigen Festival. Ich habe insgesamt 7 Euro für Longdrinks ausgegeben und denke, die Exkursion in die Linuxstadt war ein voller Erfolg. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet - Hamburg ist ja schon okay, was Gender und Umwelt betrifft, aber die niedliche Hansestadt Kiel übertrifft die allergrößte Hansestadt wirklich um Längen. Wer ein vermeintliches Sauf-Festival auf solch sympathisch-aware Weise organisieren kann, der kann auch bei Freier Software für das richtige Maß an Nachhaltigkeit sorgen.
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