https://www.nachdenkseiten.de/?p=154142
Für die meisten Medien müsste das Thema ein gefundenes Fressen darstellen: Die Chatkontrolle polarisiert und lässt angesichts der oben beschriebenen Vorgänge tief blicken, wie Abstimmungen gegen den erklärten Willen einer Mehrheit der Abgeordneten durch das Parlament gepeitscht werden. Journalisten sollten zudem besonders hellhörig werden, da ein derart invasives Instrumentarium die geschützte Kommunikation mit Quellen untergräbt. Allerdings scheint sich der Aufschrei in den Redaktionsstuben in Grenzen zu halten: Etliche Medien übernahmen mehr oder weniger wortgleich die dpa-Meldung, die von einer „chaotischen Abstimmung“ spricht – als sei es im Plenum zu tumultartigen Szenen gekommen.
Diese Phrase hielt vor allem in den Berichten lokaler Redaktionen Einzug, außerdem in den Artikeln der taz, des ZDF sowie des ORF. Selbst das bei Datenschutzbelangen sensible Portal netzpolitik.org blieb hiervon nicht verschont.
Das zeigt, dass sogar den Autoren bei netzpolitik.org das Gehirn bei der Wäsche eingelaufen ist oder (in Anlehnung an Fefe) das Lektorat gerade pinkeln war.
Aber das ist man ja bereits von Schüssen gewohnt, die gefallen sind und in der Presse sogar dann noch immer als "Schießerei" bezeichnet werden wenn entweder nur die Polizei bzw. der Schütze geschossen hat oder die Polizei gewartet hat, bis der Schütze sein Magazin leergeballert hat und ihn während seines Munitionsmangels oder per "finalem Rettungsschuss" überwältigen konnte.
Selber denken oder gar recherchieren ist anstrengend im Vergleich zum bloßen Nachplappern der Agenturmeldung.
Insgesamt fällt auf, wie zahm die Berichterstattung zum Thema ist: Bisweilen erweckt sie den Eindruck, Kritik an EU-Vorhaben sei grundsätzlich nur bedingt zulässig, da sie „den Falschen“ in die Hände spielen würde. In diesem Falle wäre eine solche (ohnehin infantil anmutende) Sorge indes unbegründet: Parteien und Fraktionen, denen gemeinhin wenig ideologische Schnittmenge nachgesagt wird, sprachen sich gegen die Chatkontrolle aus und kritisierten das konkrete Verfahren. Anders ausgedrückt: AfD und Grüne liegen hier auf einer Linie.
Es ist halt vermutlich auch eine gewisse Unterwürfigkeit gegenüber der EU im Spiel, wenn man als Journalist über etwas die Schnauze hält, das dem eigenen Berufsstand massiv schadet.
Das Thema Chatkontrolle eignet sich als Feldstudie über den strukturellen Mangel demokratischer Handhabe auf EU-Ebene und offenbart zudem, wie schwer sich vor allem arrivierte Leitmedien mit derlei Kritik tun. Dabei ist der Ablauf, vorsichtig formuliert, überaus kritikwürdig: Die Chatkontrolle über einen Kniff auf die Tagesordnung des letzten Sitzungstages zu setzen, zeugt von einem strategischen und recht perfiden Kalkül.
Die Feigheit der Mainstreammedien.