Post #3738342
2026-07-11 10:00 UTC
Replies (1)
-
@chpietsch@fedifreu.de 2026-07-11 11:23
Was mich an Jahrmarkt der Eitelkeiten fasziniert? Kurz gesagt: Es ist große Kunst. Diese kann Einblicke geben in das Leben anderer, die man sonst nicht hätte. Im besten Fall versteht man die Menschheit besser. Die Erstveröffentlichung als Fortsetzungsgeschichte in der Satirezeitschrift Punch hatte den Untertitel Pen and Pencil Sketches of English Society, also war das wohl der Anspruch des Autors. Als der Text als Buch erschien, änderte sich der Untertitel zu A Novel without a Hero. Das verweist auf die clevere Entscheidung, eine Antiheldin in den Mittelpunkt zu stellen. Weiß jemand, wie die kognitive Verzerrung heißt, die dafür sorgt, dass wir uns mit der Hauptperson eines Werkes identifizieren – egal, wie schlecht sie sich benimmt? Nicht nur deswegen verzeihen wir Becky anfangs zu viel. Sondern auch wegen ihrer Benachteiligung durch »niedere« Geburt. Sie will ein gutes Leben. Wer könnte es ihr verdenken? Irgendwann verliert sie jedes Maß – wie die Fischerin im Märchen [vom Fischer und syner Fru](Vom Fischer und seiner Frau). Und der Zeitpunkt, an dem wir uns dies eingestehen und sie verurteilen, macht was mit uns. Das ist die Macht großer Kunst.